Verfasst von: irenejonda | 12. März 2011

Lesekompetenz arabischer Kinder

Die Lesekompetenz arabischer Kinder in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist bedenklich. Ja, sie verschlechtert sich sogar, wegen der zunehmenden Abhängigkeit von Technologien und dem Mangel an Lesestoff in den Elternhäusern, sagen Bildungsexperten. Heute schreiben Melanie Swan und Afshan Ahmed in der Tageszeitung „The National“ dass viele Lehrer in staatlichen Schulen in den Emiraten Schwierigkeiten haben, ihre SchülerInnen zum Lesen zu bewegen. Die Entschuldigung lautet immer, sie hätten keine Zeit zum Lesen, sagt Asma Humaidan, eine Englisch Lehrerin aus Ras al Khaimah, einem der nördlichen Emirate. Von 60 Kindern liest vielleicht eines „zum Vergnügen“. Im Jahr 2007 zeigten die „Trends in International Mathematics and Science Study“ (TIMSS), dass 44% aller Dubaier SchülerInnen weniger als 25 Bücher in ihren Elternhäusern hatten und nur 12% mehr als 100 besaßen.

Eine UN Studie im Jahr 2008 fand heraus, dass ein durchschittliches arabisches Kind im Mittleren Osten ganze 4 Seiten an Literatur im Jahr liest. Amerikaner lesen im Durchschnitt 11 Bücher im Jahr und die Briten etwa 8. (Wie viele Bücher lesen wohl die deutschen Kinder im Schnitt?) In der PISA Studie (Programme for International Student Assessment) erreichte Dubai im Dezember 2010 den 42. Platz unter 65 teilnehmenden Nationen in Bezug auf Lesekompetenz. In der Endbewertung hieß es, ein Drittel aller Dubaier SchülerInnen erreicht nicht das Minimum an Lesefähigkeit und das ist wirklich beängstigend. Die Kinder verbringen ihre Zeit lieber mit social networking oder dem Spiel von Computerspielen. Herr Saleh, Lehrer einer Dubaier Schule fasst zusammen, dass Schüler aufgrund der neuen Technologien das Interesse am Lesen verloren haben – sie surfen lieber als dass sie lesen. „Das ist für sie interessanter und interaktiver als einige Seiten die mit Wörtern vollgeschrieben sind“. Auch fördert ein typisches Elternhaus nicht unbedingt eine Kultur des Lesens: „die meisten Eltern lesen ihren Kindern nicht vor und ermuntern sie auch nicht zum Lesen. Das Interesse an Büchern muss ja bereits in der frühen Kindheit geweckt werden….

Es stellt für arabische Jugendliche eine enorme Herausforderung dar, die Schule zu verlassen und aufs College oder in die Universität zu gehen, wo meistens alle Fächer in Englisch gelehrt werden, sagt Mr. Sedki, der den „Sheikh Zayed Bücherpreis“ gewonnen hat. Die Schüler haben bis dahin außer den Texten in ihren Schulbüchern kaum etwas gelesen und nun müssen sie nicht nur arabische sondern vor allem englische Texte lesen und verstehen. An vielen Colleges müssen etwa 90% der Studierenden Förderunterricht in Englisch nehmen um den level einer Universität zu erreichen. Es ist und bleibt ein schwieriger Weg….

Allerdings frage ich mich gerade, wie social networking ohne Lesekompetenz funktioniert, auch facebook Einträge oder SMS müssen ja gelesen werden. Ganz so pessimistisch würde ich die Sache dann also doch nicht sehen….

Advertisements

Responses

  1. Ich sehe auch keinen Zusammenhang zwischen der «zunehmenden Abhängigkeit von Technologien» und der Lesefertigkeit. Dazu habe ich jetzt keine empirischen Belege, aber meine Alltagsbeobachtung zeigt mir, dass gerade die Vielleser eine ausgesprochene Affinität gegenüber ICT an den Tag legen. Man kann offenbar das eine tun und das andere nicht lassen.

    Seit Schuljahresbeginn haben wir das Freie Lesen an meiner Klasse übrigens ritualisiert, d.h. es gibt fixe Zeitpunkte dazu und den regelmässigen Besuch der kleinen, schmucken Schulbibliothek, die eine Kollegin wunderbar aufgebaut hat. Die Kinder lieben das Lesen, klar kann ich nicht beweisen, was in ihren Köpfen vorgeht, wenn sie ihr Sitzkissen schnappen und sich in abenteuerlicher Stellung irgendwo hinfläzen. Mir gefällt dieses Ritual und gleich morgen mache ich den Versuch und biete eine Alternative an. Mal sehen, wie die Kinder reagieren und wie sie ihren Entscheid begründen …

  2. Hallo Katharina,

    lass mal hören, wie die Entscheidung gefallen ist…

  3. Hallo Irene 😀

    Also: Von 19 Kindern haben sich 9 für das Freie Schreiben und 10 für das Freie Lesen entschieden. Leider bin ich heute nicht mehr dazu gekommen darüber zu sprechen, warum sie sich so oder so entschieden haben.

    Ich gehe davon aus, dass das Schreiben grundsätzlich anstrengender für die Kinder ist. Über die Gründe, weshalb sich die Kinder trotzdem dafür entscheiden, kann ich nur Vermutungen anstellen: Sie dürfen auch zu zweit Geschichten erfinden, das ist einfach lustig für die Kinder. Ausserdem dürfen die Geschichten im Dichterstuhl vorgelesen werden, das gibt immer schöne Rückmeldungen.

    Aber das Lesen ist ja auch schön, lustig, spannend usw. Und ich frage mich gerade, ob man sich GEGEN etwas entscheidet, wenn man sich FÜR etwas entscheidet…

    Würde ich als Alternative z. B. das Freie Spielen anbieten – was ich auch wichtig und toll finde – dann sähe es wieder ganz anders aus.

    Ich grüsse dich

    Katharina

  4. Hallo Katharina! Das ist ja eine gute Aufteilung. Interessant wäre natürlich zu evaluieren, inwiefern die pädagogische Intervention der Lehrkraft hier ihre Wirkungen entfaltet… Wie wäre es mit einem Kurzzeiteinsatz in Dubai, wo Du die Kinder im Rahmen eines Projektes zum Lesen und freien Schreiben animierst? Anschließende Bewertung geht dann in Form einer Empfehlung an die oberste Schulbehörde… 🙂 Stell‘ Dir das mal illustriert vor! Nee, aber im Ernst jetzt: Du solltest das wirklich mal als Leitfaden zusammenschreiben (wenn Du mit dem Master fertig bist, ja?).

    Beste Grüße – Irene

  5. Liebe Irene

    Ja, mich interessiert der Wirksamkeits-Nachweis von pädagogischen Interventionen, wie du es nennst, auch sehr. Da sind wir doch wieder mitten in der Debatte zu Modul 4, erinnerst du dich? Und wenn ich sehe, mit welchen Forschungs-Designs welche Ergebnisse erzielt werden, dann könnte man den Mut verlieren. Unterrichtprozesse sind sowas von komplex und diese Komplexität reduzieren zu müssen um verlässliche Aussagen zu einem Mini-Ausschnitt zu erhalten, macht mich ganz ungeduldig. Als Praktikerin will und muss ich ja schliesslich Entscheidungen treffen und handeln und Innovationen entstehen immer in enger Wechselwirkung zwischen (schmuddeliger) Praxis und theoriebasierter Reflexion.

    Ich fürchte, ein Kurzzeiteinsatz in Dubai würde an meinen Sprachkenntnissen scheitern. Leider bin ich, wie du weisst, der englischen Sprache nicht so mächtig, dass ich zum Freien Lesen und Schreiben animieren könnte. Da bräuchte ich schon dich als Dolmetscherin. Ein starkes Setting könnte ich bieten und als Englisch-Schülerin gleich selber beim Lesen und Schreiben mit den Kindern mitmachen. Das wäre ja ein Ding :-D.

    Mit der Idee des Leitfadens machst du mir Mut. In der Tat möchte ich mich im Rahmen der Master-Arbeit noch einmal mit dem Freien Schreiben beschäftigen. Eine erste Auslege-Ordnung habe ich ans Lehrgebiet Mediendidaktik geschickt, ich bräuchte in dieser Sache einmal einen richtige guten Coach! Es bleibt also weiterhin spannend…

    Liebe Grüsse

    Katharina


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: